Glossar
Goy/Goj
Was bedeutet das Wort Goj?
Goj ist ein jiddischer Begriff und bezeichnet eine nicht jüdische Person. Jiddisch war für fast tausend Jahre die Alltagssprache von vielen aschkenasischen Jüd*innen in weiten Teilen West- und Osteuropas. Viele der Sprecher*innen wurden in der Shoah ermordet oder hörten aus Angst vor Verfolgung und Ermordung auf jiddisch zu sprechen, weshalb vor 1930 dreizehn Millionen Sprecher*innen existieren und heutzutage die Anzahl der Sprecher*innen nur noch auf 0,5 bis zu 1,5 Millionen geschätzt werden.
Goj definiert nach Judith Coffey und Vivien Laumann
Goj die Bezeichnung für eine_n Nicht-Juden Jüdin. Das heißt, der Begriff verrät erst mal nichts über weitere Identitätsaspekte einer Person außer darüber, dass die Person nicht-jüdisch ist und im Herrschaftsverhältnis Antisemitismus auf der privilegierten Seite steht. Unseres Erachtens ist genau dies eine Stärke des Begriffs. Mit dem Begriff Goj kann etwas benannt werden, das quer zu den vorherrschenden Kategorien (Race, Religion..) liegt. Damit muss nicht vorweg definiert werden, was Jüdischsein bedeutet.
Die Identitätsaspekte jüdisch und gojisch können zudem in den Verschränkungen zu anderen identitären Bezügen betrachtet werden: Eine Person of Color kann gojisch oder jüdisch sein, ebenso eine behinderte Person oder eine trans* Person. Gerade für das Konzept der Intersektionalität steckt in dem Begriffspaar Goj – Jude-Jüdin eine Chance, fällt doch das Jüdischsein allzu oft aus intersektionalen Debatten heraus, weil sich die Schwierigkeit der Definition von Jüdischsein auch in den Achsen des Intersektionalitätskonzepts widerspiegelt. Darauf gehen wir in Kapitel 4 ausführlich ein.
Was eine gojische Position bedeutet, muss im jeweils spezifischen Kontext und unter Bezugnahme auf andere Identitätsaspekte genau betrachtet werden. So bedeutet es im Hinblick auf Erfahrungen, Bezugsrahmen, Familiengeschichte etc. z. B. etwas anderes, in Deutschland oder Österreich weiß und gojisch oder PoC und gojisch zu sein. Wiederum etwas anderes bedeutet es in den USA, Argentinien, Italien oder Israel. Deshalb muss immer genau überlegt werden, wer wo und wann mit Goj gemeint ist. Es geht nicht darum, eine Konkurrenz von Erfahrungen aufzumachen oder Erfahrungen anderer marginalisierter Gruppen unsichtbar zu machen. Es kann sinnvoll sein, je nach Debatte und Zielsetzung, andere Begriffe zu nutzen, weil sie Erfahrungen besser fassen oder für Allianzen sinnvoll sind.
Was nicht vergessen werden sollte, ist, dass Identitäten immer auch brüchig und ambivalent sind. Sehr viele Menschen haben zum Beispiel »gemischte« Familienbiographien und -narrative, etwa einen Teil der Familie mit jüdischer Verfolgungsgeschichte und einen Teil mit Nazihintergrund. Auch für die Artikulation solcher Gefühlserbschaften oder anderer komplexer biographischer Erzählungen, die nicht so richtig in unsere Kategorien passen wollen, muss es Platz geben. Jüdische Identitäten sind ohnehin selten frei von Brüchen, Ambivalenzen und Widersprüchen, wie wir bereits aufgeführt haben.
Dennoch ermöglicht die Einführung des Begriffs Goj in Bezug auf Antisemitismus und antisemitische Erfahrungen die privilegierte, nämlich nicht-jüdische bzw. gojische, Position sichtbar und besprechbar zu machen.
Gojnormativität
Christliche Hegemonie
Das alltägliche System christlicher Werte, Individuen und Institutionen,welche alle Aspekte unserer Gesellschaft dominieren. Christliche Vorherschaft bezieht sich auf die Machtkonzentration und Ansammlung von Reichtum bei einer überwiegend christlichen Machtelite, während alle anderen Ausbeutung und ständige Verwundbarkeit durch Gewalt erleben. (Paul Kivel)